14. Juli 2012 bis 11. August 2012

Eliza's eating elephants and hates to draw trees. (Storyteller II)

 

ELIZA'S EATING ELEPHANTS AND HATES TO DRAW TREES.

Liudvikas Buklys, Ane Hjort Guttu, Bettina Graf, Brigitte Lustenberger, Dominik Hodel, Lucie Kolb, Reto Leuthold, Tine Melzer

Storytellers II fragt nicht nach dem fiktionalen Gehalt von Geschichten, sondern untersucht die Konstruktionsweise, die Repräsentation und die Visualisierungstrategien von Historie. Wie werden Geschichten erzählt, welche Medien werden verwendet und wie verändert die Präsentation einer Erzählung innerhalb eines räumlichen Gefässes deren Rezeption? Erzählende wählen bewusst eine gewisse Form der Vermittlung: Warum wird uns in Serie, in persönlicher oder (vielleicht vermeintlich) unpersönlicher Form erzählt? Die freie, ungezwungene Erzählweise trifft auf die minutiös aufgearbeiteten, mit Recherchearbeit untermauerte Geschichtenerzählung.

Mit acht Kunstschaffenden erforschen wir innerhalb eines weiten Referenz-Feldes der Kunstgeschichte und Geschichte deren Erinnerungswelten.

Brigitte Lustenberger
In ihrer Serie Scenes fotografierte die Berner Künstlerin Orte und Gegenstände, die Gebrauchsspuren, Ab- und Eindrücke aufweisen. Die Bilder werden von Untertiteln begleitet, welche fiktive Sexszenen aus Liebesromanen beschreiben. In ihrer Fragmentierung sind sie zu unklar, um auf einen möglichen Bildinhalt oder die vorangegangene Aktion zu verweisen. Durch das Spiel mit einer fotografischen Ästhetik, die wir alle zu kennen glauben, analog fotografiert und sorgsam komponiert, werden wir als Betrachterinnen immer wieder aufs Neue auf uns und unseren gedanklichen Beitrag zum Bild zurück geworfen.

Bettina Graf
Die Künstlerin Bettina Graf beschäftigt sich konzeptuell und gleichzeitig ausgesprochen spielerisch mit dem Medium Malerei: Sie stellt bekannte Konzepte der Reproduktion in Frage und untersucht die Kategorien Abstrakt und Gegenständlich, auch in Bezug auf die Präferenzen der Betrachterin, des Betrachters. Durch die Zusammenarbeit mit dem Strassenmaler David James aus London verbindet sie eine jahrelange Freundschaft. In Spirituality in Representation: David James finden sich neben der Einbindung ihrer Malereien auch Arbeiten von James sowie Bilder chinesischer Auftragsmaler. Durch diese Kombination reihen sich Originale neben Artefakte: Das zitierte Malen ermöglicht einen neuen Prozess in seiner Geschichte. In der Arbeit Ulisse (2010) beschäftigte sie sich mit dem bevorzugten Mal-Stil ihres italienischen Freundes Ulisse, der benannt nach dem Lieblingsbuch seines Grossvaters, zum inspirativen Dialogpartner der Künstlerin wurde. Wir sehen am Ende die Querbezüge zwischen seiner Biographie und der versponnenen Geschichte um diesen Roman der Weltliteratur.

Tine Melzer
Seit 2007 arbeitet die deutsche Künstlerin Tine Melzer am Projekt Die Lesemaschine. Auf einem Sockel befinden sich 19 Bücher in grünem Leineneinband mit geprägtem Rücken, und darauf dem Titel in verschiedenen Sprachen: Jedes Buch zeigt nur die erste Seite der Geschichte eines Mannes, der alle Bücher der Welt zu lesen versucht. Diese Geschichte wird immer von Neuem zu erzählen begonnen, ist in verschiedenen Genres formuliert und bricht nach der ersten Seite ab. Das Konzept ist ebenso absolut wie absurd: Alle Bücher lesen und alle Bücher über diesen Helden zu schreiben ist unmöglich. Zu allen existierenden Büchern dieser Welt kommen jene der Lesemaschine hinzu, die Verkörperung der Gegenbewegung zu der paradoxen Zielsetzung, alle jemals erzählten Geschichten vollständig erfassen zu können. Das Werk ist ebenfalls immer unvollständig, weil der Serie ständig neue Bände hinzugefügt werden. Themen wie das Scheitern, das Unmögliche und der absurde Neubeginn sind als Motto in den verschiedenen Bänden vorangestellt.

Dominik Hodel
Von zwei Screens leuchten uns grell-farbige exotische Blüten entgegen: Bei genauerem Hinsehen erkennt man eine marginale Bewegung der Stengel, Blätter und Knospen. Es handelt sich bei den gezüchteten Pflanzen um sogenannte Hybriden: Der Mensch definiert Farbe, Form, Grösse und Musterung der durchdesignten Pflanzen. Die Kontrolle des Züchters über die Hybriden übernimmt Hodel in den Produktionsprozess und inszeniert die Pflanzen im Fotostudio. Das entstandene Produkt (Video) ist wiederum eine Mischform (Hybride) von fotografischen Stillleben und bewegtem Videobild. Gekonnt hinterfragt der Luzerner Künstler Dominik Hodel mit seiner Arbeit Hybrids (2011) die Medien Fotografie und Video und deren Bezüge zu- und untereinander.

Ane Hjort Guttu
Während einer zwölf-minütigen Slideshow sehen wir 20 Arrangements alltäglicher Gegenstände, die von einer Erzählstimme kommentiert werden. Im Jahr 2006 begann die finnische Künstlerin, das Zusammentragen und Anordnen einfacher Gegenstände ihres vier-jährigen Sohnes Einar zu beobachten und zu dokumentieren. Es interessierte sie, ob und wie ein Kind Objekte behandelt, ob er beginnt, gewisse Materialverbindungen zu wiederholen und Ähnliches mit Ähnlichem zu kombinieren. Die Frage danach, ob es gute und schlechte Formen gibt erübrigte sich zugunsten einer erweiterten Sehweise, die tief in unserer Beobachtungsweise alltäglicher Geschichten verankert liegt. Ob Nicht-Kunst oder Readymade – kein ungelöstes Rätsel und keine beantwortete Frage überlässt uns die Künstlerin mit How To Become A Non-Artist.

Liudvikas Buklys
Die Arbeit Untitled, 2008 besteht aus zwei identischen handgearbeitetet Konstruktionsteilen die einerseits an die minimal art der 60er-Jahre erinnert und andererseits an ein massenproduziertes Gestell für Blumentöpfe derselben Ära in der ehemaligen Sowietunion. Der litauische Künstler Liudvikas Bukyls ist interessiert an den Umständen, wie etwas stattfindet und an den Möglichkeiten, die zu diesem „Stattfinden" beitragen. Seine Recherchen konzentriern sich auf Materialien, die Strukturen von Historie und einer bestimmten Form der Schatzsuche: Wo befindet sich die Realität? Das schlichteste Material, der einfachste Werkstoff wird verortet in einem bestimmten Erwartungsfeld.

Reto Leuthold
Reto Leuthold bedient sich im Bildkosmos alltäglicher Medien wie der Zeitung oder dem Internet. Diese ursprünglich primär der Information dienenden Bilder, die oft von schlechter Qualität zeugen, werden vom Künstler ausschnittweise übernommen, stark vergrössert und in eine teilweise monochrome Farbigkeit überführt. Die Bilder erzählen vom Spannungsfeld zwischen Motiv und Material, wodurch vornehmlich die malerische Auslotung der Grenze zwischen Erkennbarkeit und Auflösung oszilliert. In seiner neusten Arbeit Stoke Around sehen wir eine Menschenmenge die sich, mit erhobenen Armen, in eine gemeinsame Richtung bewegt. Das ursprüngliche Motiv bebilderte einen Artikel zur Fussball-Europa-Meisterschaft diesen Jahres und zeigt den Aufmarsch einer Fangemeinschaft ins Stadion.

Lucie Kolb
Die Zürcher Künstlerin Lucie Kolb erarbeitet eine Lecture-Performance (11.8.12) mit dem Titel Citing Art. Style Manuals (2012). Sie setzt sich mit den unterschiedlichen Stilen auseinander, die für das Adressieren von Kunstwerken in Texten verwendet werden. Welche Informationen werden dabei verwendet, welche entfallen? Worauf berufen sich die Style Manuals mit ihren Kategorien? Welchen Einfluss haben diese Kategorien? Ausgangspunkt für diese Fragen bildet das Verständnis von Autorschaft, das den/die Autor/in nicht als individuelle, singuläre Schöpfer/in betrachtet, sondern als durch komplexe Operationen konstruierte Funktion, die als juristische Grösse und ideologisches Produkt die Rezeption des Werks massgeblich steuert.