11. November 2012 bis 15. Dezember 2012

LONG GONE - Von weit her nah heran

Das Ausstellungsprojekt von o.T. Raum für aktuelle Kunst und sic! Raum für Kunst im Kunstpavillon 2012.

LONG GONE – VON WEIT HER NAH HERAN

Für unser gemeinsames Ausstellungsprojekt luden wir drei Kunstschaffende ein, die ursprünglich aus der Innerschweiz stammen und nun schon länger in anderen Teilen der Schweiz oder dem benachbarten Ausland wohnen. Die Gründe für ihren Weggang sind unterschiedlich: Studium, Atelierstipendium, Neugierde und das Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel um einige zu nennen.

Ian Annüll – Getauscht und kombiniert

Ein handtellergrosser, weisser Falter, vielleicht im Regenwald Borneos entdeckt, aufgespiesst und schliesslich hinter Glas gelegt. Eine kleine abstrakte Malerei in Erdtönen. Eine grosse Leinwand, (darauf) Farbblöcke in der Horizontalen und in der Mitte ein grosses, herausgeschnittenes Stück, dass wieder den Blick auf die Wand freigibt. Masken aus Holz gefertigt und bemalt, bilden eine Art Fries unterhalb der Decke. Diese Artefakte und eine Vielzahl weiterer hängen auf einer anthrazitfarbenen Wand. Im rechten unteren Drittel lesen wir den Schriftzug NoName, in weiss auf die Wand gesetzt, als weiteres Zeichenelement und titelgebend für die gesamte Installation. Verschiedene bemalte Karten, die sich bei näherer Betrachtung als Einladungskarten entpuppen, liegen in drei Vitrinen auf der gegenüberstehenden Wand und bestechen durch ihre Farbigkeit und das Wechselspiel zwischen grobem Farbauftrag und feinen Pinselstrichen.
Ian Annüll entlehnt seine visuellen Elemente aus unterschiedlichsten Welten: Tauschwaren aus dem Brockenhaus werden mit Zeichen aus dem Feld der Konsumgüter verknüpft. Das Werk des Künstlers ist schwer einzuordnen, gekonnt spielt er auf den Markencharakter der zeitgenössischen Kunst an und verweist ironisierend auf ökonomische und politisch-kulturelle Systeme. Seine Arbeiten funktionieren über Umdrehungen, Saltos, sowie die Rückführung und Neuzuschreibung von Bedeutungen innerhalb unserer teilweise starren Gesellschaft.

Isabelle Krieg – Gespielt und gewonnen

Holzscheite, aufgetürmt wie zu einem Höhenfeuer in den Bergen, befinden sich in der Mitte des Ausstellungsraumes. Zarte Streifen in Schwarz, Grau und Weiss ziehen sich über die gesamte Holzstruktur und tauchen das faserige, eher grobe Material in einen feinen Schleier. Inspiriert von der zarten Zeichnung, die sich entleerende Farbpatronen eines Tintenstrahldruckers auf Papier hinterlassen, überführte Isabelle Krieg eine formale Idee in das Objekt mit dem klingenden Titel Woodstock – in die Jahre gekommen. Eine nicht ergraute Version von Woodstock wurde bereits unter anderem im Museo Cantonale d'Arte in Lugano 2010 und in der Galerie Luciano Fasciati in Chur 2011 präsentiert, mit einem Augenzwinkern reagiert die Künstlerin auf die anderen Exponate im Ausstellungsraum sowie auf den Titel der Ausstellung Long gone.
Mit der Arbeit Schwarzer Sonntag präsentiert Isabelle Krieg Backwerk, grosse und kleine Hefezöpfe, die nach zu langer Zeit im Ofen schwarz und glänzend von der Decke hängen. Ob Marcel Duchamp, als er die zeichenhaft in der Luft hängenden Metallelemente von Alexander Calder als Mobile bezeichnete, vermutet hätte, dass eine Künstlerin hundert Jahre später frech ein paar Brote im Wind tanzen liesse?
Isabelle Kriegs Schaffen zeichnet sich durch grosse Lust an der spielerischen Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit aus: Ihre Arbeiten entziehen sich, obschon meist verführerisch in Form und Farbgebung, einer abschliessenden Deutung. In ihrer poetischen Sprache nimmt einen die Künstlerin mit auf den Weg, zwischen realer und fiktiver Welt, zwischen Dresden, Berlin und Zürich hin und her.

Damian Jurt – Zerrissen und zusammengefügt

Den Blick zur Seite gewandt, das gelockte Haar zerzaust und die vollen Lippen leicht geöffnet: Diese Frauenfigur oder deren Inszenierung finden sich auch auf den anderen zwei Fotografien. Es handelt sich nicht um dieselbe Person, manchmal taucht sie auch in einer Gruppen von mehreren, ähnlich angezogenen und geschminkten Frauen auf. Zwei der Fotografien lassen den Körper nicht nur erahnen, er wird offen präsentiert: Die jungen Frauen, deren Körper an jene aus Hochglanz-Magazinen erinnern, tragen weisse Strümpfe, hohe Schuhe und oben nur Unterwäsche. Ein Bild zeigt die Rücken zweier Frauen, eine Verletzlichkeit, die in grossem Kontrast zu den anderen Posen steht. Alle drei Fotografien wurden in drei bis vier Teile zerrissen und wieder, mit einem kleinen Abstand, zusammengefügt. Sie weisen neben Rissen auch andere Spuren auf, kleine Flecken, Knitter und dergleichen: Ihre Herkunft ist ungeklärt, ebenso die Umstände die zur Zerstörung der intakten Oberfläche führten. Der Diskurs der in den Bildern ursprünglich lesbar war – die Dokumentation einer Aktion – ist trotz der Beschädigung sicht- und lesbar geblieben.
Damian Jurt, der neben seiner künstlerischen Praxis zahlreiche Ausstellungen, Publikationen und andere kuratierte Formate entwickelte, beschäftigt sich immer wieder mit Artefakten und Fragen der Autorschaft. Mit der Arbeit Ohne Titel, 2012 hinterfragt er typische Themen der neueren Kunstgeschichte wie Aneignung, Aufbewahrung und Präsentation von Bildmaterial. Dabei verschwinden die ursprünglichen Rollen von Kunstschaffendem und Ausstellungsmacher und hinterfragen kritisch die Strukturen des Kunstmarktes.

Weiterführende Informationen zu den Kunstschaffenden:
Ian Anüll
Isabelle Krieg

Damian Jurt