13. Oktober 2013 bis 05. November 2013

Thomas Galler

Neu-Lesung historischer Ereignisse:

Thomas Galler – Lost Weekend

Thomas Galler setzt sich in seinen Arbeiten mit Fragen um Macht, Krieg, Gewalt und ihre mediale Repräsentation und Rezeption auseinander. Dabei bilden Printmedien, Kinofilme, Internet und Sounds das Material für seine künstlerische Arbeit. Der Künstler geht von spezifischen Fragen aus, die sich innerhalb eines globalen Themenfeldes bewegen. Thomas Galler sucht und findet, recherchiert, forscht und befördert mittels marginaler Veränderungen Fundstücke auf den Weg hin zu einer neuen Rezeption.

Als vor zehn Jahren zwei Flugzeuge in das World-Trade-Center flogen erlebten Millionen von Menschen diese Anschläge praktisch in Echtzeit mit: Nicht nur auf NZZ online konnte man dieses Jahr, zum traurigen Jubiläum, eine Kompilation von Videos zu 9/11 (http://www.nzz.ch/nachrichten/special_911/videos_911_1.12386629.html) finden. Was in den Jahren zwischen 2001 und 2011 kann man als obsoletes Wissen bezeichnen: Im Zuge des Krieges gegen den Terrorismus verdächtigte die US-Regierung den Irak der Gefährdung der internationalen Sicherheit. Obschon sich schnell abzeichnete, dass die angeführten Beweise um die Absegnung eine „völkerrechtliche Invasion" zu erwirken nicht ausreichten, fand die „Koalition der Willigen" dennoch internationale Akzeptanz.

Die aus knapp 30 Ländern zusammengesetzte Allianz (charakteristisch für diese Mitgliedsländer sind ihre traditionelle Bindung an die USA oder eine konservative Orientierung in der Aussenpolitik), begann Ende 2002 mit der Verlegung ihrer Truppen in die Golfregion.

Über 13'000 US-Soldaten waren zwischen drei und vier Jahren im Irak oder in Afghanistan stationiert – im Vergleich zum Vietnam-Krieg, keiner der Einsätze dort dauerte länger als ein Jahr, eine enorme Zeitdauer. Diese Zeitdauer spiegelt sich in Thomas Gallers Arbeit American Soldiers: Menschen unterschiedlichen Alters singen Tobey Keith's Song mit demselben Titel – und erklären zuvor teilweise ausführlich ihre Beweggründe, ihre Betroffenheit. Alle Sängerinnen und Sänger befinden sich in ihrer privaten Umgebung, die meist einfach eingerichteten Räume lassen Vermutungen über den sozialen Status zu: Teilweise sind Fenster nur behelfsmässig verdunkelt, Nippes und Bilder/Poster unterstreichen den Charakter der Räume und man kann als BetrachterIn seine Emphatie nicht abschütteln, man befinde sich in Räumen grosser Einsamkeit.

Die Frage nach Fiktion oder Realität indes stellt sich nicht: Auch wenn einige Performances peinlich berühren, die Ernsthaftigkeit mit welcher Tobey Keith von Patriotismus gezeichnetem Pathos wiedergegeben wird scheint auch nach mehrmaliger Betrachtung nicht zurück zu weisen.

Thomas Galler nutzte auch in dieser Arbeit Material von You-Tube, er suchte, sichtete und ordnete – bis zum Schluss vermeidet er dabei konsequent moralisch zu werten. Im Gegenteil lässt er seine Haltung gegenüber den Motiven Themen offen, wir sehen als BetrachterIn mit seinen Augen auf eine Auswahl die so oder anders, nicht zuletzt vor dem historischen Hintergrund, ein Spektrum an Fragen aufwerfen.

Die Behauptungen zur Rechtfertigung der Invasion erwiesen sich als falsch, George W. Bush deklarierte dies öffentlich in einem Interview wie folgt: „The biggest regret of all the presidency has to have been the intelligence failure in Iraq" (Das größte Bedauern der gesamten Präsidentschaft war der Aufklärungsfehler im Irak). Die weltweite Diskussion über die Rechtmässigkeit und Notwendigkeit des Krieges erhält in Thomas Gallers Arbeit neue Brisanz: Betrachtet durch ein Brennglas wird die Dimension im Mikrokosmos des Einzelnen sichtbar. Vielleicht sind es genau diese Zeugnisse die sich innerhalb eines kollektiven Gedächtnis manifestieren müssen um das grosse Ganze begreifen zu können.